Werke
Kleine Bekenntnisse
Wassermusik
Schöne Papiere und der Fluss von Wasserfarben haben mich schon immer fasziniert. Ein paar Tropfen Wasser, fein geriebene Pigmente, Gummi arabicum und ein wenig Honig stehen in leuchtenden Pfützen auf dem Büttenpapier. Langsam trocknend, bilden sie einen feinen Film, der schichtweise mit anderen Tönen überlagert oder auch wieder ausgewaschen werden kann. Änderungen am Motiv sind so lange möglich, wie Malgrund, also das Papier, seine weiße Strahlkraft behält, um die auf ihm liegenden Pigmente leuchten zu lassen.
Wenn man Freude an Wasserfarben hat, kommt man an der chinesischen Reibetusche eigentlich nicht vorbei. Nur verhält sie sich auf Büttenpapier ganz anders als unsere europäischen Wasserfarben und Tuschen und entwickelt nicht die Strahlkraft und Plastizität, die man von asiatischen Tuschmalereien kennt. Man muss den gewohnten Malprozess also völlig umstellen. Voraussetzung dafür sind die im Chinesischen sogenannten "vier Schätze der Studierstube":
- Reispapier existiert in unzähligen Varianten und Stärken: manche Sorten haben eine offene Struktur, andere sind mit Alaun und Leim grundiert, um den Fluss der Tusche besser zu kontrollieren. Ich arbeite meist mit doppellagigem, offenem Papier.
- Pinsel gibt es in rund 200 Arten – in unterschiedlichen Formen, Größen und Haarmischungen. Weiche Borsten aus Ziegen- oder Schafshaar eignen sich gut zum Lasieren von Flächen, während harte Wolfshaare wunderbare, präzise Linien ermöglichen. Pinsel mit gemischtem Haar haben einen festen Kern und eine weiche Außenhülle; besonders mag ich größere Exemplare, mit denen sich mühelos von Linie zu Fläche wechseln lässt.
- Tuschesteine werden traditionell aus verkohltem Kiefernholz gefertigt, das mit Leim, Kampfer und ätherischen Ölen – etwa Moschus – zu festen Blöcken gepresst wird.
- Reibesteine finden sich in sehr edlen wie auch schlichteren Varianten. Mein eigener besteht aus Schiefer – hart, nicht porös und fein gekörnt. Die ebene Reifefläche neigt sich zu einer Mulde, in der sich die mit Wasser angeriebene Tusche sammelt.
Hat man die vier Dinge beisammen, kann es losgehen. Etwas Wasser auf den Reibestein gegeben, den Tuschstein reiben und es passiert etwas Wunderbares: der Raum füllt sich mit einem erdigen, leicht rauchigen Duft, in dem Noten von Kampfer und Moschus mitschwingen. Von dieser Wolke umfangen, taucht man den Pinsel in die Tusche und beginnt zu malen. Anders als beim Aquarell auf Bütten dringt die Tusche sofort tief in das Reispapier ein. Korrigieren lässt sich da nun kaum noch etwas, die Tusche sitzt fest im Papier. Man sollte vorher also schon eine ziemlich klare Vorstellung davon haben, wohin die Reise gehen soll.
Ist die Tusche getrocknet, wird das Bild mit einem dahinter kaschierten Papier hinterlegt. Dieses dient als reflektierender Grund, der das Licht aufnimmt, verstärkt und die feinen Nuancen der Grautöne hervortreten lässt. Natürlich zeigen sich jetzt auch manche Unvollkommenheiten. Hier bewahrheitet sich dann der schöne Spruch: Der beste Freund des Tuschmalers ist der Papierkorb. Dann man beginnt von vorn, und freut sich diebisch, wenn ein Blatt gelungen ist.
Herakles – Mythenschnipsel
Das oft allzu menschliche Treiben der griechischen Götter und Heroen, ihre Lieben, Zwiste und Intrigen, ihre Siege und Niederlagen, aber auch ihre magischen Verwandlungen auf ihren Reisen zwischen Himmel und Erde und ihr Verhältnis zum Spielball „Mensch" sind bis heute ein unerschöpfliches Modell der Weltdeutung. Nun unterliegen Götter im Gegensatz zum Homo Sapiens nicht dem Zwang zur moralisch-ethischen Rechtfertigung ihrer Taten. Sie sind, was sie sind und sie tun, was sie tun. Für sterbliche Heroen wie den Warlord Odysseus, der in die Welt zieht, um neue Siedlungsgebiete für die anwachsende Sippe zu finden, wirft die antike griechische Literatur erstmals diese Fragen auf. Das geht bis hin zur pazifistischen Komödie „Lysistrata" des Aristophanes, in der die Frauen von Athen und Sparta ihren kriegerischen Männern Sex nur für den Friedensschluss im Peleponnesischen Krieg anbieten.
Herakles, der Superheld der griechischen Mythologie, gezeugt vom unsterblichen Zeus und der schönen Sterblichen Alkmene, ist ein Zwitter, ein Halbgott, der zwischen der irdischen und der göttlichen Sphäre steht. Von Hera, der eifersüchtigen Zeusgemahlin, schon vor seiner Geburt verflucht, muss sich Herakles erst auf Erden die vollkommene Göttlichkeit erarbeiten, um in den hehren Olymp aufgenommen zu werden – natürlich erst nach seinem Tod, der kein Heldentod war. Hier bleiben die griechischen Erzähler ganz beim Ausgangskonflikt seiner Existenz, dem zwischen Liebe, Eifersucht und Verrat, indem er erst brennend und somit gereinigt vom irdischen Dasein in den Olymp auffahren kann.
Ausgestattet mit göttlichen Kräften und ein wenig Witz, löst er Aufgaben die, wie Hera und Erystheus hoffen, zu seinem Tod führen sollen. Er besiegt Ungeheuer, zähmt wilde Tiere, fängt den Hund des Hades in der Unterwelt ein. Er ist der siegreiche Kämpfer gegen den Tod, befleckt mit dem Blut seiner Feinde und dennoch ohne Schuld. Auch er ist, wie er ist und tut, was er tut. Erst, wenn er göttliche Bereiche – wie auch den Hades – betritt, muss er entsühnt werden oder sich göttlichen Schutzes vergewissern. Götter brauchen und haben nun mal weiße Westen.
Götter, Menschen und Heroen stecken in den Kinderschuhen des Abendlandes und mit ihnen die bis heute berechtigte, aber ungelöste Frage „Was tun wir hier eigentlich auf dem Erdenrund?" Und vor allem: mit welchem Recht tun wir, was wir tun? Mit dem Recht göttlicher Selbstermächtigung und ganz schlechten Ausreden, wenn es mal wieder schief geht?
Als Kind schmökerte ich, auch noch nachts mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, in Gustav Schwabs „Die schönsten Sagen des klassischen Altertums" und malte mir wilde, farbenprächtige Bilder aus. Eine Schere und farbige Papiere eröffnen mir heute einen grenzenlosen Spielplatz. Die Götter – ein Flirt mit Form, Farbe und Struktur – Freude pur!
Digitanten – die mit dem Finger wischen
Null oder Eins, Ja oder Nein, Top oder Flop. Trommeln in der Nacht!
Lange bevor wir Heutigen unsere Nachrichten per Smartphone in die Welt wischten, waren Menschen bestrebt, Informationen zu digitalisieren, sie in einzelne Segmente zu zerlegen, die, im Zusammenhang gehört oder gesehen, für den Empfänger eine sinnstiftende Information enthielten. Trommel-, Licht- und Rauchsignale, das Morsealphabet, das Telefon und die Lochkarte sind Beispiele. Die vor allem militärisch genutzten Röhrencomputer der 1940er Jahre waren Vorläufer der raumfüllenden Großrechner in Forschungseinrichtungen der 1950er Jahre, die Differenzialgleichungen lösten und dabei so heiß wurden, dass der gesamte Raum gekühlt werden musste. Wer denkt da nicht an den Supercomputer „Deep Thought" in Douglas Adams' „Per Anhalter durch die Galaxis", der 7,5 Millionen Jahre rechnete, um auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest die Zahl 42 auszuspucken. Zusehends wurden die Computer kleiner, privater. Vom ersten Smartphone 1996 bis zu den heute gebräuchlichen Alleskönnern vergingen gerade einmal 27 Jahre. Sie gehören zu unserem Alltag wie der Faustkeil zum Neandertaler.
Wir tratschen und twittern, soweit die Netze reichen, machen Bilder von uns und der Welt, überweisen Steuern, finden Kochrezepte, melden Brände und wissen auf einen Wischer, wo wir auf der Fahrt von Kairo zum blauen Nil gut essen können. Siri mach die Tür zu! Oh je, die Datenspur, die uns folgt wie die Schleimspur der Nacktschnecke auf dem Plattenweg im Garten. Null oder Eins, ja oder Nein, Top oder Flop, wer bin ich? Die Summe meiner Daten?
Bio
Rainer Henze: Tagebuchskizze – Klaus Völker im Atelier bei der Arbeit an Stocksteif und Wolkenblau, 1985
Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen, Auswahl
Gemeinschaftsausstellung mit Hans Hertel, Galerie im Steinweg, Suhl
Tuschzeichnungen, Martin-Luther-Universität, Halle
Bewölkte Ressource, Forum für Malerei, Halle
Kunst am Bau, Farbkonzepte, Ausführung
Ausstellungskonzeption und -gestaltung
Traumzeichen. Raphia-Gewebe des Königreiches Bakuba, Haus der Kulturen der Welt, Berlin (Büro Siegfried Paul)
Jimmy Pike. Bilder aus der Großen Australischen Sandwüste, Haus der Kulturen der Welt, Berlin (Büro Siegfried Paul)